HOSOYA SCHAEFER Architects

du762 - Weltkarten

Editor: Daniel Schwartz
Contributors: Hosoya Schaefer Architects, Zürich
Date: December/January, 2005/6
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Stadtkarten
Nach Schätzungen der UN werden ab dem Jahr 2007 mehr als 50% der Menschheit in Städten leben. Von 2000 bis 2030 werden die Städte global um zwei Milliarden Menschen wachsen.

Die moderne Architektur hatte propagiert, Methoden zur Lösung dieser Wachstumproblematik entwickelt zu haben. Während aber in der Moderne die Architektur noch ein klar definiertes Medium war, mit Inhalt (Fortschritt und Universalität), einem ‚Sender’ (der öffentlichen Hand und der sie unterstützenden Machtstrukturen der Architekten von CIAM zu den Universitäten und Berufsverbänden) und einer Zielgruppe (die ‚Öffentlichkeit’), ist nun das Medium formlos und vielfältig, die Berufsgruppe zersplittert in Einzelinteressen und persönliche Biografien, die Zielgruppe unklar und die Ideologie ersetzt durch verschiedene kommerzielle Interessen und immer mehr durch Markenidentitäten. Architekten sind wie Angestellte des öffentlich rechtlichen Fernsehens, das plötzlich dereguliert wurde, und die nostalgisch dem Staatsfernsehen und seiner klaren ideologischen Linie nachtrauern.

So markiert der Essay ‚Junkspace’ von Rem Koolhaas einen Endpunkt, eine Kapitulation vor der Formlosigkeit. Wo ‚Generic City’ und ‚Whatever Happened to Urbanism’ vom selben Autor noch aufzurütteln versuchten (oder zumindest die implizierte ideologische und konzeptuelle ‚tabula rasa’ noch optimistisch verbrämten), ist ‚Junkspace’ ein wortgewaltiger Beschrieb einer kolossalen ideologischen Niederlage. Demnach war es der Allianz von öffentlicher Hand und architektonischer Intelligenz endgültig nicht gelungen auf die Modernisierung und später Globalisierung ordnend einzugreifen.

Zwischen den Planungswelten der modernen Architekten und der schlussendlich gebauten und gelebten Realität haben sich Welten aufgetan von Angelus Eisinger auch für die Schweizer Planung in seinem Buch ‚Städte Bauen’ detailliert beschrieben.

Seit ungefähr zehn Jahren gibt es daher in der Architektur eine Renaissance der Recherche. Angefangen mit Robert Venturi und Dennis Scott Brown in ihrem Buch ‘Learning from Las Vegas’ sind zahlreiche Publikationen hauptsächlich in Europa, von Katalonien bis Dänemark und von Holland bis zur Schweiz, neuen Betrachtungsweisen der Realität gewidmet. Die Recherche ist eine Art Gegenkraft zur Ideologie, der Versuch sich einer rasch ändernden Welt immer wieder neu anzunähern.

Die grösste Veränderung ist die der zunehmenden Mobilität von Personen, Gütern und Daten. Diese ermöglicht es städtische Dienstleistungen und daher urbane Lebensformen über immer grössere Flächen verteilt anzubieten.

Im Moment gibt es keine Sprachregelung, die diese neuen urbanen Phänomene allgemein verbindlich erklärt. Zwischenstadt, World=City, Aftersprawl, Zones, Netzstadt, Hybrid Landscape, Elastic City sind alles Versuche diese neue urbane Substanz zu beschreiben.

Wir waren darum interessiert nicht an was Städte sind (ihrer Morphologie) sondern an was sie tun. Schon Jane Jacobs in ‘The Economy of Cities’ hat Städte als Knoten in einem System der Mehrwerterzeugung beschrieben.

Manuel Castells beschreibt Städte als Prozesse durch die Zentren der Produktion und des Konsums von Diensten, zusammen mit ihrem jeweiligen Umland in einem globalen Netzwerk verbunden sind. Städte werden also reich und mächtig nicht aufgrund von dem, das sich in ihnen anhäuft, sondern aufgrund von dem, das durch sie durch fliest.

Nach Taylor sind ‘Global Cities’ charakterisiert durch ihre Vernetzung. Von seiner Studiengruppe Globalization and World Cities (GaWC) wurde dazu das Zweigstellennetzwerk von 100 global agierenden Dienstleistungsunternehmen analysiert, in insgesamt 315 Städten der Welt. Je höher der Anteil an Zweigstellen, desto vernetzter die Stadt.

Uns hat nun die Gegenwelt dazu interessiert. Die ‘Hinterhöfe der Globalisierung’ sozusagen. Städte, die unseren Lebensstil und –qualität grundlegend beeinflussen, ja diese erst ermöglichen, die aber dennoch im globalen Bewusstsein wenig oder gar nicht verankert sind.

 

 

 

 

 

Warenstadt
Guangzhou ist die Hauptstadt von Guangdong und neben Hongkong die grösste Stadt im Pearl River Delta (PRD) im Südosten Chinas. Lange Zeit war Guangzhou Ausgangspunkt der so genannten „ Seidenstraße auf dem Meer“. Über den Seeweg trat die Stadt in Handelsbeziehung zum südasiatischen Raum, von Indien bis Arabien . 1757 - 1842 war Guangzhou der einzige Handelshafen, in dem Ausländern vertraglich das Recht zugesichert worden war, Handel treiben zu dürfen.

Im Netzwerk mit den Nachbarstädten Shenzhen, Dongguan, Foshan, Huizhou, Jiangmen, Zhaoqing, Zhongshan, Zhuhai ist Guangzhou heute das Warenproduktionszentrum Chinas. Die PRD Region ist in den letzten 20 Jahren im Durchschnitt 17% gewachsen und wickelt einen Drittel des Chinesischen Aussenhandels ab. Waren werden in alle Welt exportiert. Die jährliche Produktemesse in Kanton zeigt über 100’000 Produkte ‘Made in China’ auf 160’000 Quadratmetern.


Warenstadt, © Hosoya Schaefer, Joakim Dahlqvist

Ölstadt
Es gibt die verschiedensten Schätzungen, wann uns denn nun das Öl ausgehen wird. Nach Dr. Colin Campbell wird aber die Spitze der Erdölförderung bereits dieses Jahr überschritten. Auch wenn immer noch grosse Reserven vorhanden sind, so wird doch der Verteilungskonflikt immer grösser, je mehr schwindende Reserven einer steigenden Nachfrage gegenüberstehen. Die EU versucht die schon fast städtische Infrastruktur der Öl- und Gaspipelines auszubauen. Das Inogate Program steht für Interstate Oil and Gas Transport to Europe. Es dient der regionalen Kooperation und Investitionsaquisition zur Sicherstellung der Öllieferungen. Gezeigt sind auf der Verbraucherseite die Zahl der Tankstellen pro Ölgrosskonzern und Land.

Mit der Baku-Tbilisi-Ceyhan (BTC) Pipeline von Aserbaidschan zum Mittelmeer wird Baku, wo die ersten Fördertürme überhaupt erbaut worden waren, zum ersten Mal direkt (unter Umgehung des politisch instabilen Armeniens) mit Europa verbunden.


Ölstadt, © Hosoya Schaefer

Schrumpfstadt
Städte schrumpfen aus sehr verschiedenen Gründen. Antike Städte zerfielen zusammen mit ihren Kulturen. Im Mittelalter wütete die Pest. Städte schrumpfen oder verschwinden durch Krieg oder Umweltkatastrophen.

Der gegenwärtige Trend der Schrumpfung, der von der Arbeitsgruppe Schrumpfende Städte um Philip Oswalt im Rahmen eines vierjährigen Initiativprojektes der Kulturstiftung Deutschlands untersucht wurde, hat aber auch mit der Postindustrialisierung zu tun. Industrien, die abgebaut werden, lassen Leute abwandern. Die hohe Mobilität in Dienstleistungsstädten resultiert in einer Suburbanisierung. Diejenigen Städte schrumpfen zuerst, die am frühsten mit der Industrialisierung begonnen haben, sodass eine Schrumpfungswelle von England über Deutschland in den Südosten zieht.


Schrumpfstadt © Hosoya Schaefer; data: Shrinking Cities, Philipp Oswalt, Tim Rieniets

Hosoya Schaefer Architects, 2005:
Markus Schaefer, Hiromi Hosoya, Isabelle Bentz

With the kind support of:
Tim Rieniets, Ursula Biemann

Full article in DU from December/January 2005/6.

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